Unsichtbare Rechtsextreme, Besserwessis und ein Selbstversuch für Mutige

Draußen schreit die aktuelle Straßenirre ihren Hass gegen eingebildete Widersacher minutenlang heraus, bevor sie mit einem:“ Ist das jetzt klar!“ wieder in der Einfahrt des gegenüberliegenden Hauses verschwindet. Ehrlicher Wahnsinn ist die reine Erholung gegen das Grauen, welches sich außerhalb meines bescheidenen Refugiums und weit entfernt von meinem Balkon abspielt. Ja, ich war wieder unter Menschen. Schlimmer noch! Unter Ossis. Unter Jammerossis.
Besuche in der Heimat sind meist, nachdem sich die Wiedersehensfreude gelegt hat, schmerzhafte Erfahrungen. Nach einer Weile beginne ich mit den Füßen zu scharren und nach Drogen zu gieren. Mich überkommt ein unbändiger Drang nach Taubheit. Auch akustisch.
Ich kann sie nicht ertragen. Sie suhlen sich in Selbstmitleid, weil sie sich als Deutsche 2. Klasse fühlen und weil sie dumme Rassisten sind, sich ihrer ausländerfeindlichen und rechtsextremen Vorurteile und Standpunkte nicht mal bewußt, fühlen sie sich ständig ungerecht behandelt.

Die Rechtsextremen von ausserhalb

In Mügeln gibt es keine Rechtsextremen, sagt der Bürgermeister. Überhaupt muß man in Ostdeutschland Nazis mit der Lupe suchen. Wenn sie in Mügeln Menschen jagen oder in Bützow den Stand einer pakistanischen Familie zerlegen, dann waren es immer welche von außerhalb. Die Halbstarken in den Naziklamotten da drüben? Ach, die wissen doch gar nicht was hinter der Marke steckt. Außerdem, alles ganz liebe Jungs.
In Schwerin wird der Rechtsextremismusexperte und Direktor der Schweriner Akademie für Politik, Wirtschaft und Kultur entlassen, weil er über Rechtextremismus redet. Denn es kann nicht sein, was nicht sein darf in einer Gegend in der Leute sich als Links begreifen, aber der Meinung sind, wer Asylanten in Deutschland haben will, soll sich doch einen Container in den Vorgarten stellen.
Wo es flächendeckender Konsens ist, daß alle Ausländer Sozialschmarotzer sind und keiner den Widerspruch bemerkt, wenn es eine Minute später heißt, Ausländer nehmen den Deutschen die Arbeitsplätze weg, wundern sich die Menschen tatsächlich über rechtsextreme Übergriffe.
Natürlich kennt auch der ein oder andere einen „Ausländer“ persönlich. Der ist dann meistens sogar ganz nett, aber eben nur die Ausnahme und das reicht auf keinen Fall um überhaupt auch nur an den eigenen Vorurteilen zu kratzen.
Stattdessen machen Schauermärchen die Runde. Ich hab sie alle schon gehört. Die urbane Legende von der Wichse in der Dönersauce sogar schon mehrfach. Einmal sogar in Castrop-Rauxel. Auch die Story, daß die „Ausländer“ gerne um den Preis verhandeln, indem sie wahlweise Macheten oder Äxte in Holztische hauen ist mir schon öfter in verschiedenen Varianten begegnet. Mal sind es Zigeuner, die jemandem die Messer und Äxte geschliffen haben und auf einmal mehr Geld als vereinbart haben wollen und ein anderes Mal Türken, die fuchsig werden, weil der deutsche Nutzviehhalter sein Lämmchen zwar zum Schlachten verkaufen will, aber nicht zum Schächten an fiese Tierquäler-Moslems.

Die Besserwessi-Weltverschwörung

Die Bürger von Mügeln fühlen sich als Opfer. Warum? Wegen den Wessis. Die wollen den Ossis nämlich nur wieder einen reindrücken und alle als Nazis abstempeln. Dass sie da grandios selbst für gesorgt haben, geht den Jammerossis nicht auf. Wie auch?
Die Nazis sind bekanntlich nicht aus dem Ort. Wahrscheinlich sind sie von der Besserwessi-Weltverschwörung extra angekarrt worden, um im beschaulichen Mügeln Unfrieden zu stiften.
Das dieser Vorfall überhaupt derartige Wellen geschlagen hat, liegt nicht an der widerlichen Tat selbst, sondern an den höheren Polizeibeamten und Staatsanwälten. Das sind auch alles Wessis und sie hassen die Ostdeutschen. Deshalb lassen sie die günstige Gelegenheit auch nicht verstreichen, die harmlosen Bierzeltspäße von 200 Einzeltätern, die sich gegen einen acht Mann starken Inder-Mob verteidigt haben, lautstark anzuprangern. Nicht nur das! Obendrein sind sie auch alle unfähige Vollpfosten, die nach der Wende in den Osten weggelobt wurden.
Natürlich nicht der eigene Chef. Der hat sich ordentlich beworben und ist sonst auch ganz nett.
So geht die Litanei endlos weiter.

Kameradschaft Lübesse

Ein Selbstversuch für Mutige

An der B106 bei Schwerin liegen die Dörfer Ortkrug und Lübesse. Kulturelles Zentrum dieser beiden, dicht nebeneinander liegenden Dörfer, ist die Tankstelle. Ungefähr hier beginnt der Abstieg in einen zähen Scheißepfuhl, dessen Gestank Richtung Osten immer weiter zunimmt. Riesige, fiese und behaarte Tentakel peitschen einem aus diesem Loch entgegen. Aber an der Tankstelle beginnt es wie so oft erst einmal tragikomisch. Hier sitzt die Kameradschaft Lübesse jeden Tag, trinkt billiges Bier und zeigt sich in seiner ganzen Erbärmlichkeit. Ein paar Kilometer weiter liegt Wöbbelin. Das Dorf, ein langer Schlauch an der Bundesstraße, hat einen Puff. Die wenigsten Leute wissen, daß es hier außer einem Puff auch noch eine KZ-Gedenkstätte gibt. Daher wurde vor einigen Jahren vor der Gedenkstätte eine Geschwindigkeitsbegrenzung eingeführt. Bei der letzten Wahl hingen in Wöbbelin an jedem Laternenpfahl gleich zwei NPD-Plakate. Die anderen Parteien haben gar nicht erst Wahlplakate aufgehängt.
Wer jetzt noch weiter will, dem wünsche ich viel Spaß.


1 Antwort auf „Unsichtbare Rechtsextreme, Besserwessis und ein Selbstversuch für Mutige“


  1. 1 Nasty 03. September 2007 um 9:51 Uhr

    Hey! Das mit den Zigeunern, die Messerschleifen und einen dann abzocken stimmt aber. Das hat meine Oma mir auch mal erzählt.

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