Heim in die Volksgemeinschaft

Da RTL nun die Rechte an der Geschichte des wegen versuchter Vergewaltigung angeklagten Marco aus Uelzen besitzt, hoffe ich, daß sich bald die Supernanny um die ganze Sache kümmert. Da könnte ein riesiges Samstag-Abend-Feature aufgezogen werden. Die Aufarbeitung der Geschichte in diesem Umfeld würde wahrscheinlich auch den meisten Marco-Fans gefallen. Die televisionäre Verlängerung der Bildzeitung, Franz Josef Wagner moderiert, es gibt nachgestellte Szenen mit Laiendarstellern, Nazan Eckes sitzt irgendwo rum und zeigt, daß wir trotzdem alle Freunde sind, irgendwie, zwischendurch wird der Dalai Lama zugeschaltet und sondert irgendwelchen Durchfall ab und am Ende wird per Zuschauervoting entschieden ob sich die GSG9 um die dreisten Engländer kümmern soll, die dem armen Marco wegen einer ganz gewöhnlichen, romantischen Urlaubszwangsfickerei solche Scherereien gemacht haben.

Andererseits, so eine Blitz-Karriere wie Marco sie hingelegt hat, das muß man erstmal schaffen. In Urlaub fliegen, es so richtig mit ein paar 13-jährigen Mädchen krachen lassen und kurz darauf wegen versuchter Vergewaltigung verhaftet werden. Jetzt beginnt erst der gemütliche Teil. Im unwirtlichen „Türken-Knast“ die Beine hochlegen und zuschauen wie sich eine internationale Krise anbahnt, in der Deutschland der Türkei die Umsetzung von Gesetzen vorwirft, die die Türkei auf Drängen Deutschlands und der EU gerade eingeführt hatte. Als bei den heißblütigen Deutschen sich langsam die Erkenntnis durchsetzt, daß bei einem vergleichbaren Fall in Deutschland die Gesetzeslage ähnlich oder genauso wäre, wird auf Verfahrensfehler und die unmenschlichen Bedingungen im „türkischen Horrorknast“ umgesattelt. Weil aber ein Brei so richtig nur durch viele Köche verdorben werden kann, melden sich noch jede Menge Stammtisch- und Salonrassisten zu Wort, irgendwann auch die Kirche und überhaupt jeder der seinen Sermon oder seine Vorurteile über Ausländer und den Islam im Allgemeinen und Türken im speziellen loswerden will. Das Opfer spielt dabei selbstverständlich keine Rolle. Es wird höchstens darauf hingewiesen, daß das Mädchen bei ihrem Alter gelogen hat, womöglich noch einen Minirock anhatte und überhaupt in ihrem Alter auf solchen Parties oder was auch immer nichts verloren hat, somit 1. schon selbst Schuld dran ist, wenn sie vergewaltigt wird 2. die Eltern offensichtlich ihre Aufsichtspflicht vernachlässigt haben und zumindest eine Mitschuld an der versuchten Vergewaltigung ihrer Tochter haben. Außerdem vergißt man nicht zu erwähnen, daß es sich bei der Mutter um eine hysterische Zicke handelt.
Das alles ist für Marco natürlich voll dufte. Sein Volk scharrt sich hinter ihm zusammen. Der mutmaßliche Täter ist das arme Opfer, das im Knast Psychofolter und Kantinenessen erdulden muß und während auf die 13-jährige und deren Eltern eingeprügelt wird, würde niemand auf die Idee kommen zu schreiben, daß es sich bei Marco um einen rücksichtslosen, pubertierenden Kotzbrocken mit Samenstau handelt. Außer vielleicht FJW, aber der sieht das bekanntlich eher als Auszeichnung.
In der Türkei ist man derweil beleidigt wegen der aufgeblasenen Arroganz der Deutschen und beschließt Dienst nach Vorschrift zu machen. So kann die Geschichte wie stinkender Käse im Keller reifen.
Nach 8 Monaten wird Marco bis zum Prozess auf freien Fuß gesetzt. In diesen 8 Monaten hat das „Knast-Martyrium“ die Anschuldigungen, wegen denen er überhaupt eingesperrt wurde und die von seinen Fans eh nie allzu ernst genommen wurden, großflächig überdeckt.
Die Rückkehr des Volkshelden aus finsterer Gefangenschaft wird gebührend gefeiert. Marco-Stofftiere verdrängen den kleinen, mittlerweile schmuddelig-fetten Knut aus den Regalen. Über die Reise nach Deutschland, stilecht im Privatjet, wird im Minutentakt berichtet, als würde da auch nur irgendwas im entferntesten Interessantes passieren, der Papst dürfte direkt neidisch werden.
Ja, da kommt einer, der sich vielleicht etwas daneben benommen hat, aber der in finsterer Stunde tapfer und aufrecht stand und dem fiesen, mittelalterlichen Islam die Stirn geboten hat. Einer, den sie nicht brechen konnten. Ein richtiger deutscher Volksheld findet den Weg heim in die Volksgemeinschaft.